Carsten Reichert

„Kriegerin“ – ein Film für Schule und Unterricht?

Am 15. Januar konnte ich den Film „Kriegerin“ in einer Preview im Rahmen einer Infoveranstaltung zu den Bayerischen Schulkinowochen sehen. Was mich morgens um 11.00 Uhr allerdings erwartete, hat mich anfangs schockiert.

Zugegeben kein guter Film für eine Matinee-Vorstellung. Dennoch aber ein fesselnder Film, der mich bis zum heutigen Tag beschäftigt. Der Streifen wird nicht zu Unrecht mit dem Vermerk „Bester deutscher Film seit Jahren“ (Rolling Stone). Und: Nur selten überschlägt sich das gesamte publizistische Feuilleton mit positiven Rezensionen.

Der Plot könnte angesichts aktueller Ereignisse (NSU, Braune Zelle Zwickau etc.) nicht wuchtiger sein: „Marisa ist Anfang 20, Neonazi und rast durch ihre Welt wie ein offenes Rasiermesser. Sie ist aggressiv und schlägt zu, wenn ihr jemand dumm kommt. Sie hasst Ausländer, Politiker, den Kapitalismus, die Polizei und alle anderen, denen sie die Schuld daran gibt, dass ihr Freund Sandro im Knast sitzt und dass alles um sie herum den Bach runter geht: Ihr Leben, ihre Stadt, das Land und die ganze Welt. Dieser Sommer hält noch mehr Ärger für Marisa parat: Die bürgerliche Svenja (15) drängt in Marisas Clique und der afghanische Flüchtling, Rasul (14) sucht sich ausgerechnet ihren Badesee zum Schwimmen aus. Als die Welten der Drei aufeinander prallen, setzt sich eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihr Leben auf den Kopf stellt.“ (vgl. die Skizze der Rahmenhandlung auf Facebook).

Durch meine Referententätigkeiten für die Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus beim Bayerischen Jugendring habe ich oftmals gemerkt, dass man die „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ nicht immer in all ihren Facetten vermitteln kann. „Kriegerin“ schafft das, auch trotz kleiner dramaturgischer Schwächen (s. unten). Grund genug, den Film mit Schülern der 10. Klassen anzusehen und auf seine „Zeigbarkeit“ in Schulkinovorstellungen zu untersuchen.

Die 85 Schüler, die mit meinen Kollegen und mir angesehen haben, waren der Meinung, dass es sich auf jeden Fall lohnt, mit diesem Film in der Schule auseinanderzusetzen. Der Empfehlung von FSK (ab 12 Jahren) und Filmverleih (ab 9. Klasse) wollten Sie dabei jedoch nicht folgen – und zwar nicht wegen der sehr expliziten Gewalt- und Sexszenen. Aus ihrer Sicht braucht es eine intensive inhaltliche Vorbereitung, um den Film in seiner Tiefe überhaupt verstehen zu können. So wurden im Sozialkundeunterricht im Vorfeld bereits Grund- und Menschenrechte und Herausforderungen unserer Demokratie erörtert. In unserem Fall war die Lage sogar so glücklich, dass die Schüler kurz vor dem Besuch der Schulkinovorstellung ein Gespräch mit einem Aussteiger aus der Neonazi-Szene besucht haben. Darüber hinaus hatte ich im Oktober letzten Jahres bereits zur Entstehung und Integrationskraft der rechten Szene einen Vortrag gehalten – insofern waren die Jugendlichen gut präpariert.

Auch dramaturgische Schwächen wurden von den Schülern im Film angemerkt. Es ist aus ihrer Sicht nicht vollkommen nachvollziehbar, dass die Handlung stereotypisch in Ostdeutschland spielen muss. Auch, dass der ältere, programmatische Anführer der Nazi-Gruppe ein Österreicher ist und damit an Adolf Hitler erinnert, wirkte eher ungewollt lustig als eindringlich. Zudem glaubten einige Schüler nicht, dass sich eine ideologisch so stark geprägte Frau durch den Tod des Großvaters und das Auftauchen des afghanischen Jungen „bekehren“ lassen würde. In diesen Punkten konnte ich ihnen durchaus zustimmen.

Auch sahen die Schüler eine Gefahr, was die Gesamtdeutung des Films angeht. Regisseur Wnendt erhielt für sein Werk zwar das Prädikat „besonders wertvoll“, weil er aufklären will, ohne vordergründig pädagogisch zu sein. Dies gelingt dem Film, weil er nicht Partei für eine Seite ergreift, sondern neutral – wenn auch ganz nah am Geschehen – die Handlung erzählt. Allerdings könnte man als Anhänger der rechten Ideologie den Film auch so lesen, dass Marisa am Ende zu Recht den Tod findet – immerhin hat sie die Gruppe verraten, sich nicht der Gruppe und Gemeinschaft untergeordnet und sich nicht in ihre Rolle als Frau gemäß rechtsextremistischer Vorstellung gefügt. Eine inhaltliche und pädagogische Begleitung des Films, vor allem, wenn er im Rahmen des Schulunterrichts eingesetzt wird, ist also notwendig.

Ich möchte ein kleines Fazit versuchen: Der Film wird von Schülern, aber auch von Kollegen, als sehenswert eingestuft. Dramaturgisch-inhaltliche Schwächen sind vorhanden, stellen aber für den Gesamtfilm kein Hindernis dar, sondern bieten Anlass zu weiterführenden Gesprächen. Eine inhaltliche und pädagogische Begleitung des Films, vor allem, wenn er im Rahmen des Schulunterrichts eingesetzt wird, ist aber notwendig, um das Verständnis zu erhöhen und einen Missbrauch zu vermeiden. Insgesamt aber ohne Wenn und Aber ein Film, der in Schule und Unterricht eingesetzt werden sollte.

2 Kommentare zu “„Kriegerin“ – ein Film für Schule und Unterricht?

  1. Hamburg123

    Ich habe den Film heute auch mit meinen Klassenkameraden geguckt. Es war der mit Abstand unnötigste und schlechteste Film den wir je in der Schule gesehen haben. Wahrscheinlich ist es für den Lehrer entspannter einen Film zu schauen anstatt das Thema Rechtsextremismus offen zu diskutieren. Aber bei unserem derart schlechten Bildungssytem ist das ja auch kein Wunder.

    1. Carsten Reichert Autor des Beitrags

      Danke für den Kommentar!
      Darf ich nachfragen, weshalb Du den Film zu den „unnötigsten“ und „schlechtesten“ Schulfilmen zählst? Sind es die dramaturgischen Schwächen? Sind die Charaktere zu stereotyp? Würde mich interessieren!
      Und zur Einbindung in den Unterricht: Nur den Film zeigen um dann zu sagen „Jetzt wisst ihr Bescheid“ ist nicht ausreichend – und wie Du zurecht sagt – unzufriedenstellend. Deswegen hatte ich es seinerzeit flankiert mit einem Aussteigergespräch und einem Vortrag über Strukturen und Codes. Frage doch noch einmal an Deiner Schule nach und bitte die Lehrer, ebenfalls solche weiteren Angebote zu machen. Und wenn die nicht können oder wollen: Suche Dir Mitschüler, die das Thema auch interessiert und versuche, es selbst auf die Beine zu stellen.

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