Carsten Reichert

To flag or not to flag, that is the question.

König Fußball regiert wieder die Welt. Oder zumindest Europa. Und einmal mehr stellt sich die für viele wohl existenzielle Frage: Darf ich als deutscher Fußballfan die schwarz-rot-goldene Fahne schwenken? Ja, einfache Antwort. Muss ich die deutsche Nationalfahne zeigen. Auch hier ist die Antwort einfach: Nein.

Der Aufruhr im Netz ist groß, seit die Grüne Jugend in Rheinland-Pfalz bekräftigt hat, dass bei der Fußball-EM auf die deutsche Fahne zu verzichten sei:

Der Landesverband der Jugendorganisation der Grünen (und nicht etwa die „Erwachsenenorganisation“ als solche, wie die schwarmintelligente Meute im Netz subsumiert) ist nämlich der Ansicht, man würde unter dem Deckmantel des Patriotismus dem Nationalismus stattgeben. Diese Meinung könnte man so stehen lassen, sie als jugendliche Übereiferung abtun und sich – je nach Gusto – den Spielen zuwenden. Oder aber man nutzt sie zur politischen Auseinandersetzung (und Agitation?), wie es der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer getan hat:

Dem politischen Gegener „Idotismus“ vorzuwerfen ist in diesem Zusammenhang genauso wenig gehaltvoll (und wertschätzend), wie es eben der pauschale Vorwurf des Patriotimus und Nationalismus ist. 

Mit dem EM-Patriotismus ist es eben schwarz-rot-kompliziert, wie Andras Borcholte seinen Text auf Spiegel Online überschrieben hat. Ich teile nicht alle seine Aussagen – das muss ich auch nicht, schließlich ist der Text ein publizistischer Kommentar und kein umzusetzendes Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts. Aber er zeigt in dieser doch sehr polarisierten Debatte auf, dass einfache Antworten auf die Gretchen-Frage nicht zu geben sind.

Die Frage ist doch, warum ich die Fahne schwenken möchte. Für die meisten Fans der deutschen Mannschaft ist es unproblematisch. Jenseits von EM und WM spielt das nationale Symbol für sie keine entscheidende Rolle. Nach den sportlichen Großveranstaltungen ist es vergessen wie Text und Bedeutung der deutschen Nationalhymne, für die es während der Spielzeit glücklicherweise den Text zum Mitsingen via Videotext gibt. Für Menschen mit historischem Bewusstsein, die sich auch unter den Fußballfreunden finden, stehen Schwarz, Rot und Gold für die Freiheitsforderungen des Hambacher Fests: „Meinungs-, Rede-, Presse-, Versammlungs-, Vereinigungs-, Gewerbe-, Auswanderungs- und Niederlassungsfreiheit. Dazu gehörte auch die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetz unabhängig vom Geburtsstand. Frauen waren dabei explizit eingeschlossen.“ Es sind zeitlose Grundrechte, die angesichts der jüngsten Entwicklungen in Deutschland nicht zu wenig betont und herausgestellt werden können.

Womit man bei der politischen Dimension der Fähnchen-Frage ist. Vom ehemaligen Bundespräsident Rau ist das Zitat geblieben, dass ein Patriot jemand sei, der sein Vaterland liebe. Im Gegensatz dazu sei ein Nationalist, der die Vaterländer der anderen verachte. Auch Borcholte verweist auf diese Aussage. Ich finde, man kann gut und gerne Patriot sein, wenn man in unserer Mannschaft Chiffren für unser heutiges Deutschland sieht. Wir sind bunt, weltoffen, integrieren nach Kräften und wir schaffen zusammen für ein gemeinsames Ziel. Dafür stehen die Spieler pars pro toto. Und diese Deutungshoheit sollten wir uns auch nicht nehmen lassen. Nicht von Pegida, nicht von den AfD-Ausfällen Höcke und Gauland, nicht von irgendwelchen Möchtegerne-Intellektuellen, die im Taumel zwischen Sieg und Niederlage in den EM-Wettkämpfen Hass und Zwietracht verbreiten möchten – sei es in Debatten, ob man die Nationalhymne mitsingen müsse oder nicht oder welchen Teil des deutschen Ksders man (nicht) als Nachbar haben möchte.

Es geht – wie so oft – um Reflexionsvermögen. Wer die „Deutschen“ anfeuern und mit ihnen mitfiebern möchte, darf das tun, ob nun mit Fahne oder ohne. Wer unsere Flagge jedoch als Banner gegen ethnische, religiöse Teile unserer Bevölkerung ins Feld führt, dem müssen wir offensiv entgegentreten. Während der Spiele, aber vor allem dazwischen.

So freue ich mich auf das Spiel gegen die Ukraine heute Abend, wie auch auf alle anderen, die ich während des Turniers sehen kann. Ganz ohne Panier. Denn worum es geht, hat Borcholte mit einem schönen Bild auf den Punkt gebracht: „Um das sportliche Kräftemessen unter Freunden bei einer großen WG-Party im Haus Europa. Und eine Party können wir alle gut gebrauchen, denn in unserer Europa-WG gab es in den letzten Monaten reichlich Missstimmung.“

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